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DIE AUTOREN

Karen Thiel
Seit 20 Jahren bin ich als selbständige Pharma-Expertin für die Bereiche Marketing, Medical und Patients tätig. Ich betreue Biopharma, RX, OTC, OTX, NEM/EBD, Medizinprodukte und apothekenexklusive Kosmetik-Marken als Interims-, Projektmanagerin oder Consultant.

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Martina Hänsel
Seit 21 Jahren arbeite ich in der Pharmabranche und bin seit gut fünf Jahren freiberufliche Beraterin mit Schwerpunkt auf medizinisch-wissenschaftliche Beratung, Kommunikation und Interimsmanagement.

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Werden Patienten durch Mitwirkung automatisch zu Lobbyisten?

Die medizinische Forschung und Entwicklung ist – über alle Disziplinen hinweg – inmitten einer Transformation. Stichworte hierfür sind neben der zunehmenden Konzentration auf molekulare Mechanismen und der personalisierten Medizin auch der zunehmende Fokus auf Lebensqualität und die verstärkte Einbeziehung und Beteiligung von Patienten. Die klassische Patientenvertretung entwickelte sich von der Selbsthilfe (mit den hauptsächlichen Aufgaben, zu informieren und zu unterstützen) zur politischen Vertretung, hin zum gemeinsamen Eintreten für bessere Versorgung der Patienten und zur Forderung der Mitwirkung in der Forschung. Die Beteiligung von Patientenverbänden im Gesundheitswesen ist im Sozialgesetzbuch verankert.

In vielen Fragen der Forschungs- und Gesundheitspolitik gehen die Interessen von Patienten, den Verbänden der Selbsthilfe und der forschenden Industrie  in die gleiche Richtung:

  • Neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten sollen rasch in Deutschland und Europa verfügbar sein.
  • Die Patientenbedürfnisse sollen berücksichtigt werden. Diese Berücksichtigung bedingt auch, dass der Informationsbedarf der Patienten gedeckt wird.
  • Die öffentliche Wahrnehmung von klinischen Studien muss verbessert werden, denn durch das – u.a. von den Medien geschürte – Misstrauen gegenüber der pharmazeutischen Industrie – sind weniger Patienten bereit, an klinischen Studien teilzunehmen. Das kann den  Erkenntnisgewinn und damit den potenziellen Einsatz verzögern und die Verlagerung der Forschung z. B. auf andere Kontinente bewirken.

Alles in allem bedingt die zunehmende Patientenbeteiligung einen zunehmenden Informationsbedarf, was die Entwicklung neuer Therapien bedeutet, unter welchen Umständen neue Behandlungen und Medikamente entwickelt werden und was die Patienten dazu beitragen können.

Was macht man, wenn Informationsbedarf entsteht? Man redet miteinander! Um den stets im Raum stehenden Vorwurf zur Ausnutzung und Beeinflussung von Patienten soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen, hat die forschende Pharmaindustrie zur Entwicklung von Informationen und Weiterbildungsmöglichkeiten eine Initiative gemeinsam mit glaubwürdigen Partnern gestartet:

Geburtsstunde der EUPATI (European Patient’s Academy on Therapeutic Innovation, www.Patientsacademy.eu ) war im Februar 2012. Mit an Bord sind 30 Organisationen.

EUPATI-Logo-4c-updateGeleitet wird das Konsortium vom Europäischen Patientenforum EPF (www.eu-patient.eu); zu den Mitgliedern gehören:

  • 5 gemeinnützige Organisationen (die Drug Information Association (DIA Europe), European Forum For Good Clinical Practic (EFGCP), die European Organisation for Research And Treatment of Cancer (EQRTC), die Irische Plattform für Patienten-Organisationen, Wis-senschaft und Industrie (IPPOSI) und die International Society For Pharmacoeconomics and Outcomes Research (ISPOR)),
  • 3 akademische Partner (Universität Manchester, die Universität Kopenhagen und das Hibernia College in Dublin),
  • 4 Dachorganisationen der Patientenselbsthilfe (das European Patients‘ Forum, die European AIDS Treatment Group (EATG), die europäische Organisation für seltene Erkrankungen (EURORDIS) und das European Genetic Alliance Network (EGAN),
  • 15 Industriepartner(Amgen, AstaZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Chiesi, Eli Lilly, Esteve, GlaxoSmithKline, Janssen, Merck, Novartis, Novo Nordisk, Roche, Sanofi, UCB) und
  • 3 nationale Pharmaverbände (aus Deutschland, Spanien, Polen).

Die Ziele dieses Konsortiums sind, das allgemeine Verständnis zur Erforschung und Entwicklung von Medikamenten zu vergrößern und das Einbeziehen von Patienten mit ihren Anliegen in die Forschungsplanung zu erleichtern. Das kann im Übrigen neben der Industrie auch Hochschulen, Zulassungsbehörden  und Ethikkommissionen unterstützen. Kurz – es geht um Informationen und Austausch darüber, wie die Entwicklung neuer Medikamente unter der Einbeziehung von Patienten erleichtert und beschleunigt werden kann.

Ganz ausdrücklich wird die Weitergabe und Entwicklung von produkt- und krankheitsspezifischen Informationen ausgeklammert.

Ein Project Advisory Board, ein Regulatory Advisory Panel und ein Ethik Panel, die jeweils hochrangig mit Nicht-Industrievertretern besetzt sind, sichern die Neutralität und geben Empfehlungen, denen das Projekt zu folgen hat. Jan Geissler, Geschäftsführer des Projektes und selbst Patientenvertreter, sagt selbst: „Wir haben es … noch nicht erlebt, dass die Industrie auf eine unpassende Weise auf uns einwirken wollte.“ (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/imi-umstrittenes-eupati-projekt-schult-patientenvertreter-a-1021709.html, 9.3.2015).

Trotzdem schüren Medien wie „Spiegel Online“ in der Öffentlichkeit die Befürchtung, dass Patienten zu Lobbyisten der Pharmaindustrie werden (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/imi-umstrittenes-eupati-projekt-schult-patientenvertreter-a-1021709.html, 9.3.2015). Die Patienten werden lediglich  „auf dem Beifahrersitz“ gesehen, „ wenn der Europäische Pharmaverband bei der Innovative Medicines Initiative (IMI) hinter dem Steuer sitzt.“

Wie viel Objektivität ist bei EUPATI gewährleistet?

  • Schulung und Wissenstransfer kommt von denen, die tief im Geschehen stecken und Fachwissen über viele Prozesse besitzen.
  • Die Objektivität der Inhalte wird von Wissenschaftlern, dem Ethikbeirat und Mitarbeitern von Arzneimittelbehörden geprüft.
  • Die Patientenvertreter sagen selbst, dass eine unpassende Einwirkung seitens der Industrie in Richtung von Produktinformationen oder gar -werbung nicht stattfindet.
  • Ziel ist letztendlich eine bessere und innovative Arzneimittelversorgung.

Und dennoch werden eine hochseriöse Kontaktaufnahme und Konsortienbildung schon fast mit dem üblichen Automatismus der Medien als unlautere Beeinflussung gewertet. Ganz generell wird der Pharmaindustrie nicht die geringste Annäherung und Diskussionsfähigkeit mit ihren Partnern und Zielgruppen – den Patienten – zugestanden. Eine löbliche Initiative zur gemeinsamen Diskussion und zum Abbau von Ressentiments wird in den Medien als unlautere Beeinflussung und Anlass zu Misstrauen dargestellt. Schade!

Beeinflusst die Pharmaindustrie Patientenorganisationen durch Zuwendungen?

Eigene Beobachtungen der Autorinnen zeigen immer wieder den hohen Informationsbedarf seitens einzelner Patienten und der Patientenorganisationen. Gleichzeitig achten die Organisationen sehr gründlich auf ihre nachweisbare Unabhängigkeit und Unbeeinflussbarkeit, die in den Statuten verankert ist.

Spenden seitens der Industrie sind nicht die Hauptfinanzierungsquelle von Patientenorganisationen und werden entsprechend dem Kodex der Freiwilligen Selbstkontrolle der Pharmazeutischen Industrie (www.fs-arzneimittelindustire.de/verhaltenskodex/Patientenorganisationen/) seit 2008 auf den Websites der Unternehmen veröffentlicht (Linkliste unter www.vfa.de/de/patienten/zusammenarbeit-mit-patientenselbsthilfegruppen/zusammenarbeit-vfa-mitgliedsunternehmen-patientenorganisationen.html) . Eine „schon“ in 2014 vom SPIEGEL eingerichtete Datenbank, die diese Angaben als „brandneue Recherche“ bezeichnet, ist ein weiterer Beitrag zu dieser Transparenz (www.spiegel.de/patientendatenbank ).

Noch umfassendere Transparenz wäre aber hergestellt, wenn die Datenbank neben den Zahlen der forschenden Pharma-Unternehmen auch die Zuwendungen anderer Unternehmen (z.B. Nicht-vfa-Mitglieder, Medizingerätehersteller) und der Krankenkassen an die Patientenorganisationen ausweisen würde.

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