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DIE AUTOREN

Karen Thiel
Seit über 20 Jahren bin ich als selbständige Pharma-Expertin für die Bereiche Marketing, Medical und Patients tätig. Ich betreue Biopharma, RX, OTC, OTX, NEM/EBD, Medizinprodukte und apothekenexklusive Kosmetik-Marken als Interims-, Projektmanagerin, Consultant oder Medical Texter. Eines meiner Spezialgebiete sind PSPs (Patient Support Programs = Patientenunterstützungsprogramme).

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Dr. Martina Hänsel
In der Pharmabranche arbeite ich seit mehr als 20 Jahren und bin seit über acht Jahren freiberufliche Beraterin mit Schwerpunkt auf medizinisch-wissenschaftliche Beratung, Kommunikation und Interimsmanagement. Außerdem absolviere ich einen Master-Studiengang Regulatory Affairs.

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Opfer Patient

Das ZDF hat uns mal wieder ein schönes Blogthema beschert: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/akutellste/1315152#/beitrag/video/2773072/Das-Gesch%C3%A4ft-mit-der-Krankheit

Und tatsächlich, der Beitrag strotzt, wie soviele derartige Berichte, von Unkenntnis: Verschreibungspflichtige Präparate werden mit Gentests gemixt, erstattungsfähige Medikamente mit nicht-erstattungsfähigen, Leitlinien mit erfundenen Krankheiten usw. Der Beitrag müsste also erst einmal aufgeräumt werden.

Fangen wir mit den Diagnostika an, wie im Filmbeitrag auch. Die gezeigten Gentests sind in Deutschland nicht als Medizinprodukte anerkannt und somit nicht verkehrsfähig. Weiterhin haben sie nichts mit „Pharmaindustrie“ zu tun, es ist eine separate Branche.

Bleibt die Frage, warum bestellen Menschen solche Gentests? Beispiel: Angelina Jolie hat ein Brustkrebs-Gen von ihren Vorfahren vererbt und lässt sich daher das Brustgewebe entfernen und durch Silikon ersetzen. Es geht durch die Presse. Viele Frauen fragen sich nun, ob sie auch das Brustkrebsgen in sich tragen. Frau befragt Dr. Google, kommt dabei auf eine Seite mit den Gentests und bestellt ihn. Es gibt also eine Nachfrage nach solchen Tests, die durchaus getriggert ist durch Pressemeldungen. Und Nachfragen durch Kunden werden in der Marktwirtschaft bedient. Dank des globalen Internets auch aus dem Ausland. Hat aber immer noch nichts mit der Pharmaindustrie zu tun, erklärt nur das Phänomen.

Mundschleimhaut Abstrich Speichelprobe mit Wattestbchen im Mund

Kommen wir zum nächsten Punkt, der in Deutschland nicht zugelassenen „Lustpille für Frauen“. Die „Lustpillen“ für den Mann heißen im Original Viagra, Cialis, Levitra etc. Alle sind verschreibungspflichtig, aber nicht erstattungsfähig. Ein großer Unterschied. Denn der Streit Pharma – Kassen, Pharma – Presse wird immer mit dem Argument geführt, dass die Kosten zu Lasten der Solidargemeinschaft gehen (dem planwirtschaftlichen Teil des Marktes). Dem gegenüber steht der marktwirtschafltiche Part, nämlich das unternehmrische Handeln der pharmazeutischen Industrie. Beim Thema Lustpille ist folglich das Thema Erstattung und somit Belastung der Solidargemeinschaft raus. Wir befinden uns also auf einem freien Markt. Jeder kann selbst entscheiden, ob er sich eine Lustpille verschreiben lassen möchte, oder nicht. Und tatsächlich sind die Potenzpillen immer ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Tabletten – trotz Nebenwirkungen – großer Beliebtheit erfreuen. So relativ ist das Empfinden für Nebenwirkungen.

Es gilt natürlich gleiches Recht für alle und so macht es auch Sinn, dass es eine Lustpille für die Frau gibt. Sie mag überflüssig sein, das kann man auch bei Viagra und Co. so sehen. In unserer sexualisierten Welt ist aber „guter Sex“ einfach so wichtig, dass es für die Betroffenen ein riesiges Drama ist, ohne Lust oder mit Erektionsstörungen zu leben. So wird es auch im Beitrag gezeigt. Es ist aber realitätsfern zu denken, dass wir die Nachfrage unterbinden, wenn wir alle zum Paartherapeuten schicken. (Es fehlte im Beitrag übrigens die Angabe, bei wieviel Prozent der Behandelten die Paartherapie anschlägt.)

Die Lustpillen werden immer Abnehmer finden, egal welche Nebenwirkungen diese Pillen haben. Und wieder: Der Anbieter bedient einen vorhandenen Markt. Übrigens ist Viagra, ebenso wie die Lustpille der Frau, auch ein Nebenprodukt einer Arzneimittelentwicklung.

Blue pills for erectile dysfunction treatment - white background

Somit können wir auch diesen Teil des Beitrages als nicht-sinnstiftend und unpassend zum Titel abhaken.

Kommen wir nun zu dem Teil, der über eine Patientin berichtet, die jahrelang von ihrem bisherigen Hausarzt mit Statinen behandelt wurde. Der neue Arzt hält diese Medikamentengabe für überflüssig. Das kann durchaus sein. Aber es wird nicht gefragt, ob der bisherige Arzt vielleicht einen Fehler gemacht hat oder noch nach veraltetem Wissen und Gewissen behandelt hat. Nein, der Schuldige ist wieder schnell gefunden, die Pharmaindustrie, damit trifft man als Journalist automatisch ins Schwarze.

Die Autorin behandelt das Thema so dermaßen einseitig und oberflächlich, dass es gefährlich ist. Er gefährdet das Leben vieler Menschen. Patienten werden möglicherweise verordnete Statine absetzen oder sie werden ihrem Hausarzt mißtrauen und sich vielleicht in die Hände von Paramedizinern begeben. Leider gibt es keinen Paragraphen, der die Verunsicherung von Patienten unter Strafe stellt. Dieser würde hier greifen.

Statine sind für manche Menschen einfach lebenswichtig und daher ist ein einseitiger Bericht verwerflich. Eine andere Sicht der Statine wird hier erläutert: https://www.pharma-fakten.de/news/details/227-statine-gegen-hohes-cholesterin-wunderwaffe-oder-pharmatrick/

Zum Thema Transparenz und angebliche Ärztebestechung, die ebenfalls im Film thematisiert wird, müssen wir an der Stelle nicht weiter eingehen, das wurde schon in anderen Blogbeiträgen erklärt und ausgeführt:

Auch die leidige Preisdebatte muss nicht wiederholt werden. Natürlich musste das noch schnell in den halbstündigen Beitrag einfließen, sonst wäre er ja nicht „rund“. Lesen Sie hier Stellungnahmen zum Thema Arzneimittelpreise aus vorherigen Blogbeiträgen:

Kommen wir nun zum letzten Punkt: Den Alltagsbeschwerden, die angeblich Grundlage „erfundener Krankheiten“ sind, um der Industrie mehr Gewinn zu liefern. Hier müssen wir beim Patienten und seinen Problemen mit sich selber anfangen. Ärzte kennen das. Spricht man mit den Patienten, sind die angeblichen Alltagsbeschwerden massive Probleme und beeinflussen das Leben sehr negativ. Der Arzt findet keine objektivierbare Ursache. Spinnt der Patient? Sind es psychische Probleme? Oder noch nicht erforschte Erkrankungen? Wir wissen es nicht. Aber den Patienten geht es subjektiv schlecht und sie fühlen sich von dem behandelnden Arzt nicht ernst genommen.

Was also tun als Arzt? Patienten mit ihren Beschwerden hängen lassen oder sie ernst nehmen? Was empfiehlt die Autorin? Sie ist jung. Klar, sie empfiehlt – gar nichts tun. Wir werden in 25 Jahren noch einmal Kontakt mit der Journalistin aufnehmen und fragen, wie es ihr geht und dass sie doch bitte ihre Alltagsbeschwerden nicht so ernst nehmen möchte. Diese seien sowieso erfunden …..

Der Beitrag ist deshalb verwerflich, weil er wieder einmal die Patienten total verunsichert und daher viele Menschen lernen, dem Gesundheitssystem grundsätzlich zu mißtrauen. Deshalb flüchten viele Patienten in die Paramedizin, lassen ihre Kinder nicht impfen, gehen zu Wunderheilern und zahlen denen viel Geld. Oder sie zeigen schlicht mangelnde Adhärenz bei Verordnungen, was übrigens die Kosten für die Kassen in die Höhe treibt. Diese Art der Beiträge haben alle ein Hauptopfer: Den Patienten!

 

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