Looking for something?

DIE AUTOREN

Karen Thiel
Seit über 20 Jahren bin ich als selbständige Pharma-Expertin für die Bereiche Marketing, Medical und Patients tätig. Ich betreue Biopharma, RX, OTC, OTX, NEM/EBD, Medizinprodukte und apothekenexklusive Kosmetik-Marken als Interims-, Projektmanagerin, Consultant oder Medical Texter. Eines meiner Spezialgebiete sind PSPs (Patient Support Programs = Patientenunterstützungsprogramme).

Mehr...
Dr. Martina Hänsel
In der Pharmabranche arbeite ich seit mehr als 20 Jahren und bin seit über acht Jahren freiberufliche Beraterin mit Schwerpunkt auf medizinisch-wissenschaftliche Beratung, Kommunikation und Interimsmanagement. Außerdem absolviere ich einen Master-Studiengang Regulatory Affairs.

Mehr...

Lieferengpässe – ein weltweites Problem

Mittlerweile sind die Zeitungen voll davon, dass viele Medikamente nicht mehr lieferfähig sind. Die Arztpraxen sind genervt, sie müssen Alternativen suchen, neue Rezepte schreiben, Patienten vertrösten, möglicherweise das Arzneimittelbudget belasten und einen Regress riskieren, weil sie ein „aut idem“-Kreuz für das Originalpräparat setzen.

Die Apotheken sind genervt, weil sie Patienten abweisen und wieder zurück zur Arztpraxis schicken, um eine alternative Medikation zu suchen.

Die Patienten sind genervt, weil sie doppelte Wege haben, ihre gewohnten Pillen nicht mehr erhalten, die sie gut vertrugen.

Für alle Beteiligten ein großer Frust und eine echte Belastung. Wie kommt es zu den Lieferengpässen? Vorab: es ist kein deutsches Phänomen, auch kein europäisches, sondern ein weltweites.

Wenige Hersteller – Risiko für Lieferengpässe steigt

Generika werden in den meisten Fällen in Indien und China produziert, also dort wo es am preisgünstigsten ist und/oder große Kapazitäten aufgebaut wurden. Die Produktion konzentriert sich auf wenige Hersteller, die für den Weltmarkt produzieren.

Die Marktverengung führt bei Produktionsausfällen, Qualitätsproblemen oder einem Chargenrückruf zu einem weltweiten Engpass an Wirkstoff.

Ein Beispiel für einen Chargenrückruf war Valsartan, das mit N-Nitrosodimethylamin (NDMA) verunreinigt war (Quelle: BfArM). Das Ärzteblatt schreibt dazu:

„Der chinesische Hersteller Zhejiang Huahai Pharmaceutical hatte seinen Produktionsprozess umgestellt. Dabei war es zu potenziell krebserregenden Verunreinigungen des Wirkstoffs gekommen.“

Das hat nicht nur zu einem Lieferengpass geführt, sondern auch zu einer Verunsicherung der Patienten, ob ihnen das richtige Arzneimittel verschrieben wurde. Die Folgen für das unkontrollierte Absetzen der Medikation ohne Absprache mit dem Arzt lassen sich kaum schätzen.

Konkurrenz durch neue Gesundheitssysteme

Die sog. Schwellenländer wie China und Indonesien haben mittlerweile eigene gut funktionierende Gesundheitssysteme aufgebaut, die es vor 10 Jahren so noch nicht gab. Damit konkurrieren diese Länder auf dem Weltmarkt mit allen übrigen Ländern. Neue Produktionskapazitäten müssen also aufgebaut werden.

In Deutschland und Europa ist die Produktion von Arztneimitteln teurer als in China und Indien. Das liegt auf der Hand, auch weil in China gigantisch große Produktionsstandorte entstanden sind, die viel kostengünster produzieren.

Durch den Preisdruck, den die Gesundheitssysteme in Europa und anderen westlichen Ländern aufbauten, waren pharmazeutische Hersteller gezwungen, in Billiglohnländern zu produzieren. Damit schlossen viele typische Chemiestandorte, nicht nur in Deutschland. Das Ärzteblatt formuliert die Aussage von Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Pharmaverbandes  Pro Generika, wie folgt:

„Der Kostendruck habe zudem bei Antibiotika zu einer starken Abhängigkeit von China geführt. So habe vor wenigen Jahren die letzte Produktionsstätte in Deutschland, in Frankfurt Höchst, schließen müssen.

Denn das Preisniveau, das die Krankenkassen und die Arzneimitteleinkäufer der Kliniken erwarteten, sei so niedrig gewesen, dass „Made in Germany“ zu diesen Kosten nicht länger möglich gewesen sei.

Hinzu komme, dass die chinesische Regierung die Antibiotikaproduktion vor Jahren als strategische Branche erkannt und massiv in den Aufbau gigantischer Produktionsanlagen investiert habe. Aufgrund der schieren Größe dieser Anlagen können diese sehr große Mengen zu vergleichsweise geringen Kosten herstellen. Gemessen an diesem Kostenniveau seien europäische Produktionsstandorte kaum wettbewerbsfähig.“

Was sind die Folgen von Exklusiv-Rabattverträgen?

Auch wenn die Kassen es nicht gerne hören und jede Verantwortung von sich weisen: die Rabattverträge, vor allem die mit nur einem Rabattpartner, tragen die Hauptschuld an der Misere in Deutschland. Das zeigt die im November 2019 vorgelegte IGES-Studie.

Die Rabattverträge wurden bei ihrer Einführung gefeiert, um die  Arzneimittelpreise zu drücken. Zu Anfang schlossen die Krankenkassen Verträge oft mit mehreren Herstellern, mittlerweile kommt es immer häufiger zu Exklusiv-Verträgen mit nur einem Pharmaunternehmen.

Somit liegt die Last für die Versorgung des gesamten deutschen Marktes bei einem einzigen pharmazeutischen Unternehmen. Gleichzeitig bedeutet so ein Rabattvertrag aber auch für die Firmen, die nicht zum Zuge gekommen sind, dass sie sich keine Vorräte auf Lager legen und die Produktionsaufträge runter fahren.

Ein Zitat aus dem Arzneitelegramm 01/2020 vom 24.01.2020 beschreibt die Folgen:

„Fehlende Rabattvertragsarzneimittel haben einen Dominoeffekt zur Folge, da Firmen, die in keinem Vertrag vertreten sind, in der Regel nur geringe Präparate-Mengen vorhalten und daher größere Lieferausfälle anderer Anbieter nicht kompensieren können.“

Hohe Margen – bevorzugte Lieferung

Aber noch eine zweite Folge haben die Rabattverträge. Die Hersteller, die weltweit operieren, werden bevorzugt die Länder beliefern, die für das Unternehmen am meisten Gewinn abwerfen. Besteht also vom Hersteller aus eine Verknappung, wird das internationale Unternehmen bevorzugt die Länder mit Ware bestücken, die eine gute Marge ausweisen.

Beispielsweise zahlen die Gesundheitssysteme in China und Indonesien für Arzneimittel oft höhere Preise als in Europa, was natürlich zu einer Bevorzugung bei der Belieferung in diese Länder führt.

Was unternimmt Deutschland?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellt eine Liste bereit, in der die nicht lieferfähigen Präparate aufgelistet sind. Allerdings ist diese oft nicht vollständig bzw. hinkt etwas hinterher.

Das Bundesgesundheitsministerium verfolgt folgende Pläne: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2019/lieferengpaesse-arzneimittel.html

Progenerika fordert, mehrere Hersteller für eine Präparategruppe in einen Rabattvertrag aufzunehmen, die Produktion in Europa zu stärken, lebenswichtige Präparate aus den Rabattverträgen raus zu nehmen und auch für Gernerika-Arzneimittel wieder einen angemessenen Preis zu bezahlen. Dadurch lässt sich eine Lockerung der Situation erreichen.

 

Quellen/Links:

https://www.aerzteblatt.de/archiv/210688/Lieferengpaesse-bei-Arzneimitteln-Ein-Missstand-der-nicht-mehr-hinnehmbar-ist

https://www.bah-bonn.de/de/unsere-themen/lieferengpaesse/

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2019/lieferengpaesse-arzneimittel.html

http://lieferengpass.bfarm.de/ords/f?p=30274:2:609130577714::NO:::

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/lieferengpaesse-belasten-apotheken-in-ganz-europa/?fbclid=IwAR2StuEQn9m-TjlRhRdX8Y3l8W4z50wY9G4QkucojiCJMt9KPzPKzy84Vg0

https://www.progenerika.de/lieferengpaesse-pro-generika/

https://www.vfa.de/de/patienten/arzneimittelsicherheit/lieferengpaesse

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.