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DIE AUTOREN

Karen Thiel
Seit mehr als 20 Jahren bin ich als selbständige Pharma-Expertin für die Bereiche Medical-Marketing und Patient Support tätig. Ich betreue Biopharma, RX, OTC/OTX, Supplements und apothekenexklusive Kosmetik-Marken als Managerin oder Consultant. Ein besonderes Spezialgebiet von mir ist der Aufbau von Patienten-Support-Programmen. Auch Online/Social-Media-Aktivitäten im Healthcare-Bereich zählen zu meinen Kernkompetenzen. Meine Firma heißt KT Projekt. Mein Angebot sowie eine Referenz- und Projektliste finden Sie unter www.ktprojekt.de.

Dr. Martina Hänsel
In der Pharmabranche arbeite ich seit mehr als 20 Jahren und bin seit über acht Jahren freiberufliche Beraterin mit Schwerpunkt auf medizinisch-wissenschaftliche Beratung, Kommunikation und Interim Management. Außerdem absolviere ich einen Master-Studiengang Regulatory Affairs.

Kann man sich bedenkenlos gegen Covid-19 impfen lassen?

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat unser Leben verändert. Die Entwicklung eines Impfstoffs hat weltweit obere Priorität, um die Ausbreitung der Infektionskrankheit einzudämmen und die Zahl der Todesopfer zu senken. Bislang haben wir gelernt, dass die Entwicklung neuer Medikamente, wie es auch ein Impfstoff wird, viele Jahre dauert. Nun wird es durch eine gewaltige internationale Kranftanstrengung innerhalb eines knappen Jahres soweit sein. Wie kann das gehen? Ist der neue Impfstoff sicher?

Kann man sich denn bedenkenlos gegen Covid-19 impfen lassen?

Diese – berechtigte – Frage erreicht uns immer wieder. Der Versuch einer Antwort.

I. Wie bedenkenlos ist die Impfung?

„Bedenkenlos“ ist absolut kein Wort, das bei der Einnahme von Medikamenten verwendet werden sollte, denn diese haben alle und immer Nebenwirkungen (NW).

Dabei sind zwei Fragen zu stellen:

1. Wie oft?

Nebenwirkungen werden u.a. anhand ihrer Häufigkeit und darauf aufbauenend anhand ihrer Wahrscheinlichkeit klassifiziert:


Häufigkeit:                                                                     Wahrscheinlichkeit:


sehr selten                                                                       weniger als 0,01 %
selten                                                                                zwischen 0,01 % und 0,1 %
gelegentlich                                                                     zwischen 0,1 % und 1 %
häufig                                                                               zwischen 1 % und 10 %
sehr häufig                                                                       größer als 10 %


Wie der Tabelle entnommen werden kann, treten NW unterschiedlich häufig auf. Sehr häufige, häufige und gelegentliche NW werden in den klinischen Prüfungen an Zehntausenden von Probanden sicher erkannt, denn sie treten dort hunderte oder tausende Male auf. Seltene und sehr seltene NW dagegen werden nicht erkannt, weil 0,01% eben bedeutet, dass die unerwünschte Wirkung unter 10 000 Geimpften gerade einmal auftritt. Wird ein solcher Impfstoff dann aber an mehreren Milliarden Menschen eingesetzt, wird auch diese seltene NW mehrere Tausend Mal auftreten. (Das Medikament Lipobay, ein Blutfettsenker von Bayer, wurde 2001 wegen einer NW vom Markt genommen, die bei einem von 50 000 Patienten auftrat. In den klinischen Prüfungen, die an etwa 5 000 Menschen liefen, bestand nur eine 10%ige Chance, diese NW auch nur ein einziges Mal zu sehen.) Dieses Risiko kann den Geimpften niemand nehmen.

2. Wie schwerwiegend?

Schwellung, Rötung und Schmerz an der Einstichstelle für ein, zwei Tage sind bei Impfungen sehr häufig zu beobachten. Aber ist das schwerwiegend? Zumal es Ausdruck der Tatsache ist, dass die gewünschte Reaktion des Immunsystems eintritt. Dies lässt sich damit erklären, dass sich der Körper mit dem Impfstoff auseinandersetzt und es so zu einer immunologischen Entzündungsreaktion kommt. Auch wenn diese Entzündungsreaktion eine Schwellung auslösen kann, so führt sie zugleich auch zu einer optimalen Vorbereitung des Körpers auf eine zukünftige Infektion mit dem tatsächlichen Erreger, gegen den geimpft wird. Dadurch kann der Körper einen wirksamen Schutz aufbauen. In aller Regel  ist diese Reaktion nach einem bzw. wenigen Tagen vorbei.

Der gefürchtete Impfdurchbruch, also dass die Impfung beim Geimpften die Krankheit auslöst, vor der sie eigentlich schützen soll, ist sehr selten, aber natürlich schwerwiegend. Impfdurchbrüche stammen aus einer Zeit, in der man lebende Krankheitserreger abgeschwächt (Impfbouillon wird kurzzeitig erhitzt oder mit Alkohol gemischt u.a.) und dann zur Impfung benutzt hat. Solche Impfstoffe gibt es noch, aber es werden immer weniger.

Heutzutage nimmt man nur noch Teile der Erreger, von denen man weiß, dass das Immunsystem des Körpers den Erreger an diesen Teilen erkennt und bekämpft. Es ist, als würde man – wenn eine Person ein Krankheitserreger wäre – den Patienten mit deren abgeschnittenen Fingern impfen, weil man weiß, dass das Immunsystem die Person am Fingerabdruck erkennt. Weil es für die Krankheit aber die ganze Person  braucht und nicht nur ihre Fingerkuppen, können sie keinen Schaden anrichten, gibt es keinen Impfdurchbruch mehr. Das gilt für alle bisher zugelassenen Covid-Impfstoffe.

Allerdings gibt es auch Impfschäden anderer Art, die ebenfalls schwerwiegend sind. Ob diese auch unter den neuen Covid-Impfstoffen auftreten, wird man erst wissen, wenn Millionen geimpft wurden. Auch dieses Risiko kannn den Geimpften niemand nehmen.

 

II. Das Risiko, an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben, dürfte deutlich höher sein, als eine schwerwiegende Nebenwirkung zu erleiden.

80 % aller Covid-19-Fälle nehmen einen milden Verlauf, schlussfolgernd daraus ca. 20 % einen schwerwiegenden.1 Etwa 1,5 % der in Deutschland gemeldeten Fälle sind mit oder an der Krankheit verstorben.2 Demgegenüber fallen die schwerwiegenden Nebenwirkungen einer Impfung deutlich geringer aus.

„Innerhalb aller Arzneimitel gehören Impfstoffe zu den sichersten Medikamenten überhaupt,“

so Brigitte Keller-Stanislawski, Leiterin der Abteilung für Arzneimittelsicherheit am Paul-Ehrlich-Institut, 2019.3

 

III. Ging die Entwicklung der  jetzt vorliegenden Impfstoffe zu schnell?

Diese Frage wird von der deutschen Ärztin und Autorin Nathalie Grams hier näher beleuchtet. Ihr Fazit: Die enorme Schnelligkeit ist nicht schludrig oder unnachvollziehbar, wie gern geraunt wird:

  1. Die Forschung an neuen Impfstoffen, wie den RNA-Impfstoffen, ist keineswegs neu. Hier konnte auf vielen bereits vorhandenen Erkenntnissen aus der Zeit „vor Corona“ zurückgegriffen werden.
  2. Die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffes hatte oberste Priorität. Energie, Zeit, Personal und Geld wurden bereit-, andere Projekte zurückgestellt.
  3. Untersuchungen fanden nicht nacheinander, sondern parallel statt. Die verschiedenen Phasen der Arzneimittel- und Impfstoffprüfung (präklinische Untersuchungen, Phase I bis III) wurden teilweise zeitgleich gemacht. Nichts wurde ausgelassen, sondern es wurde gleichzeitig geprüft und ausgewertet. Sobald Daten vorhanden waren, wurden sie in einem „Rolling Review Verfahren“ nahezu zeitgleich von Zulassungsbehörden  begutachtet. Dies mit dem Risiko, dass, wenn sich mittendrin die Unmöglichkeit, Nicht-Wirksamkeit oder Nicht-Sicherheit eines Kandidaten herausgestellt hätte, alle parallel durchgeführten Untersuchungen praktisch wertlos wären und den Verlust von gewaltigen Ressourcen bedeuteten. Weil sich dies auf Dauer kein Unternehmen der Welt leisten könnten, werden in der Regel und in normalen Zeiten die Untersuchungen nacheinander durchgeführt, die Ergebnisse gesammelt, publiziert, mit Fachkollegen diskutiert usw. In diesem dringenden Fall nicht.
  4. Auch die Produktion und Qualitätskontrolle von Millionen Impfstoffdosen wurden parallel bereits gestartet – alles sehr wohl in dem Wissen, dass bei einem Entwicklungsfehlschlag oder Qualitätsmängeln alles hätte vernichtet werden müssen.
  5. Prozesse auch in den Behörden wurden optimiert, entbürokratisiert und entschleunigt. Wie viele Überstunden dies für etliche der Beteiligten gebracht haben mag, wird vielleicht einmal nach der Pandemie veröffentlicht werden.

 

IV. Eine Impfung breiter Teile der Bevölkerung würde die massiven Einschränkungen überflüssig machen,

die das Jahr 2020 in allen Ebenen so beeinträchtigt haben und 2021 voraussichtlich weiter beeinträchtigen werden, ganze Branchen und viele Menschen in der Existenz bedrohen und viele weitere an den Rand ihrer körperlichen oder psychischen Gesundheit bringen.

 

V. Fazit:

Niemand sollte sich bedenkenlos impfen lassen, sondern ausführlich darüber nachdenken, bevor man es tut.
Aber angesichts des sehr viel höheren Risikos, an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben, dürften die Risiken der neuen Impfstoffe deutlich geringer sein und erhöhen zudem die Chance auf eine Rückkehr zur Normalität.
Zudem ist Impfen mehr als nur individuelles Recht. Es ist soziale Verantwortung – denn es geht immer auch um den Schutz anderer Menschen wie chronisch Kranke oder Senioren und Seniorinnen.(4)

Referenzen:

  1. Lungenärzte im Netz: Covid-19: Krankheitsbild, https://www.lungenaerzte-im-netz.de/krankheiten/covid-19/symptome-krankheitsverlauf/, Zugriff 6.12.2020
  2. Robert-Koch-Institut:Epidemiologischer Steckbrief zu SARS-CoV-2 und Covid-19, Stand 27.11.2020, https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html;jsessionid=044D798AA760AE3BFB331C11FF85955D.internet062#doc13776792bodyText8, Zugriff 6.12.2020
  3. Pasquet, V.:Impfen!? Alle Antworten für die richtige Entscheidung, GEO 3/2019

  4. Pharma-Fakten: Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2: (Zu) schnell?, 9.12.2020;

Mehr zu Impfungen generell gibt es hier, mehr über RNA-Impfstoffe gegen Covid-19 hier.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Mehr zu den Themen „Coronavirus“, „Covid-19“ und „Impfungen“ in diesem Blog:

Der Weg zu Impfstoffen vom  7.05.2020

„Dagegen sein!“ – die Kommunikation parolenschwingender Minderheiten vom 11.04.2020

Covid-19-Patienten auf der Intensivstation – Was bedeutet das? vom 25.04.2020

Covid-19 und kein Ende – Fakten checken statt diskutieren vom 19.07.2020

Update zum Streitthema Masken vom 1.11.2020

7 Kommentare

  1. Zuweilen geäußerte Bedenken: „ Die neuen, RNA-basierten Impfstoffe beeinflussen das menschliche Erbgut.“ stimmen nicht! Das menschliche Erbgut ist in den Zellkernen der Zellen lokalisiert, und alle Vorgänge rund um die Immunisierung spielen sich außerhalb des Zellkerns ab. Gute Zusammenfassungen dazu finden sich im o.g. letzten Link oder unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/corona-impfstoffe-und-nebenwirkungen-sind-die-vakzine-sicher-a-00000000-0002-0001-0000-000174316814 (Zugriff 8.12.2020).

  2. Diesem Satz „Niemand sollte sich bedenkenlos impfen lassen, sondern ausführlich darüber nachdenken, bevor man es tut.“ muss ich ganz klar widersprechen. Man sollte sich, wenn es gesundheitlich möglich ist, immer impfen lassen. Auch Spritzenphobiker sollten sich unbedingt überwinden.

    Ich finde sogar, es gibt eine moralische Pflicht sich zu impfen, da wir nur dann eine genügend große Durchimpfungszahl erreichen können und damit das Virus ins Abseits zu befördern.

    • „Diesem Satz ‚Niemand sollte sich bedenkenlos impfen lassen, sondern ausführlich darüber nachdenken, bevor man es tut.‘ muss ich ganz klar widersprechen. “

      Die Autorin macht in ihrem Artikel sehr deutlich, dass sie Impfungen befürwortet, weil sie wirksam und sicher sind. Es ist wohl das Wort „bedenkenlos“, das – vor allem von medizinischen Laien oft geäußert – sie dazu gebracht hat, hier einzuschränken. Sie lässt aber keine Zweifel daran, in welche Entscheidung der Denkprozess münden sollte 😉

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